04.02.10 13:39

Grrrrs Video- und Open-Access-Buch

Der Zürcher Künstler Ingo Giezendanner hat eine Reise nach Baku dokumentiert, wie er vielleicht noch die ganze Welt allmählich zu erfassen gedenkt: zeichnenderweise. Und hat nun aus diesen aserbeidschanischen Aufzeichnungen das Buch "Baku & Back" gemacht, das er vor einigen Wochen in der Galerie Perla Moda an der Langstrasse präsentierte. Doch warum erfahren ausgerechnet Blog-Leserinnen und Leser von einer Buch-Vernissage erst Wochen später, und was hat ein Buch mit Zeichnungen überhaupt in einem Blog über digitale Kultur verloren?grr41_map.jpg

Zum Zeitpunkt: Gestern in der Nacht endlich traf die Nachricht ein, dass das neue Buch online ist, womit auch zugleich die Ortszugehörigkeit Giezendanners zur digitalen Kultur ins Spiel kommt: Ingo Giezendanner ist kein Medienkünstler, er ist ein Zeichner, wie Zürich kaum obsessivere hat. Und doch ist sein Werk eng mit dem Computer vernetzt. Mit dem vernetzten wohlverstanden, denn nicht der Computer als Malwerkzeug interessierte Giezendanner, als er ihn im Laufe der 90er Jahre einzusetzen begann, sondern der Computer als Kommunikationsmittel. Anfang der 90er Jahre hatte Giezendanner seine Kunst noch per Post verschickt oder in kleinen Broschüren-Auflagen veröffentlicht, damit er frei und selber über die Veröffentlichung seiner Werke entscheiden konnte; dann begann er allmählich, das Netz in den Dienst seines Willens zur freien Distribution zu stellen. Giezendanner, der auch den Übernamen Grrrr verwendet, hat auf der Website www.grrrr.net mittlerweile 41 Werke online geschaltet; eben der Ankündigung von Nummer 41 dienen diese Zeilen.

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Grrrr "kippt" nicht einfach seine Zeichnungen und Publikationen ins Netz, er experimentiert mit dessen technischen Gegebenheiten: Wie Zeichnungen so im Netz veröffentlichen, dass sie nicht nur mit digitalen Luxuskisten abgerufen werden können? Das ist für Grrrr nicht nur eine technische Frage, sondern auch eine künstlerische. Arbeit Grrrr41 dokumentiert die Konstanz, mit der Giezendanner am Prinzip Lowtech festhält.

Giezendanner nennt Grrrr41 ein "Videobuch": Das Video ist nur in einem kleinen Fenster im Rahmen des ganzen Bildschirmes zu sehen; dieses Verfahren, die Datenmenge klein zu halten, ist bekannt. Doch in Kombination a) damit, dass eine unsichtbare Hand die Seiten umblättert und b) in Kombination mit vielen früheren Arbeiten, in denen Giezendanner andere Wege findet, die Datenmenge klein zu halten, ergibt sich eine medientechnische Eigenwillig- und Hartnäckigkeit, die ein ganz eigenes techno-ästhetisches Vergnügen bereitet.

Wir waren uns nicht ganz sicher, ob Giezendanner auch noch dieses neuste Buch, im Zürcher Verlag Nieves publiziert, im Netz veröffentlichen würde. Ob er nicht doch langsam das Interesse verlieren würde am Prinzip des Open Access, an der Vision, seine Kunst frei nach eigenem Gutdünken und in Eigenregie zu publizieren? Die Publikation von Grrrr41 ist die Antwort.

Siehe frühere Blog-Einträge zu Giezendanner und seinem untergründigen, aber verlässlichen Bezug zum Digitalen: http://www.digitalbrainstorming.ch/weblog/2009/05/giezendanners_videotank.html und http://www.digitalbrainstorming.ch/weblog/2009/05/grrrrvideotank_das_ist_kairos.html

PS: Das Video funktioniert bei Firefox erst ab Version 3.5!





Publiziert von general stumm am 04.02.10 13:39 in der Kategorie sehen

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