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30.10.11

Vocoder: Magie mit Kriegs-Technologie

Der Vocoder ist ein Gerät, das die Möglichkeiten des Synthesizers mit der menschlichen Stimme kombiniert. Und vielleicht gerade deshalb umgibt ihn eine eigenartige Magie. Der Vocoder war auch Thema am diesjährigen SHIFT Festival in Basel. Es stand unter dem Motto „Birds on Wire – Stimmen unter Strom“. Zu den Höhepunkten des Festivals gehörte der Auftritt des Amerikaners Dave Tompkins, der sich nicht nur als DJ sondern auch als Historiker mit der Geschichte des Vocoders befasst hat, wie er im digital brainstorming Podcast im Gespräch mit Dominik Landwehr erklärt

Bild: Wikipedia

Erfunden wurde der Vocoder schon in den 30er Jahren des 20.Jahrhunderts und zwar im Umfeld der Telekommunikations-Industrie. Die Vocoder-Technologie ermöglichte es nämlich, Sprachsignale zu komprimieren, damit konnte die Kapazität von Transatlantik-Kabeln erheblich gesteigert werden.

Bild: Die äusserliche Rekonstruktion des SIGSALY Systems. Fotografiert im National Cryptologic Museum der NSA in Fort Meade (MD), Bild Dominik Landwehr

Einen Schub erlebte die Technologie im Zweiten Weltkrieg: Sie ermöglichte die Konstruktion eines Sprachverschlüsselungs-Gerätes. So konnten der US Präsident Roosevelt und der britische Kriegspremier Churchill sicher miteinander telefonieren. SIGSALY war der Codename des Gerätes, das eindrückliche Dimensionen hatte und mehrere Räume voller Elektronik benötigte:

Bild: Wikipedia

Eine zentrale Rolle spielten die beiden Plattenspielger, die im Bild von 1943 gut zu erkennen sind. Das Verschlüsselungs-Signal, das für die Sprach-Chiffrierung benutzt wurde, war nämlich ein natürliches Rauschen ab Platte. Mit einer identisch gepressten Schallplatten mit Rauschen wurde das Signal jeweils entschlüsselt.

Damals vor der Erfindung von Transistoren und integrierten Schaltungen wurden die Geräte mit Röhren realisiert und eines der Hauptprobleme war denn auch das Ableiten der entstehenden Hitze.

Die Technologie blieb aktuell und diente auch noch im Vietnam-Krieg der Verschlüsselung von Sprachsignalen. Nur waren die Geräte mittlerweile erheblich geschrumpft.

Bild: Wikipedia

Bereits Ende der 50er Jahre wurde in den Labors von Siemens die musikalischen Möglichkeiten der Vocoder-Technologie demonstriert. Es war aber dem Synthesizer Pionier Robert Moog vorbehalten, einen bühnentauglichen Vocoder zu brauchen. Der Erfolg in der Pop-Musik war umwerfend: Gruppen wie Kraftwerk, Alan Parson Project, Pink Floyd, Mike Oldfield und Jean-Michel Jarre benutzten das Gerät.
Das alles und mehr lässt sich im Buch von Dave Thomkin nachlesen. Es trägt den merkwürdigen Titel “How to Wreck a Nice Beach: The Vocoder from World War II to Hip-Hop, The Machine Speaks” und erscheint anfangs November 2011 als Taschenbuch.


Im digital brainstorming Podcast erzählt der Autor etwas über der spannenden Geschichte dieses Gerätes. Wer mehr wissen will bestellt sich die Paperback Ausgabe seines Buches oder macht sich auf der umfangreichen Website und dem Blog des Autors schlau.

http://howtowreckanicebeach.com/

Dominik Landwehr im Gespräch mit Dave Tompkins - digital brainstorming Podcast in englischer Sprache, 22 Minuten.

Bild: Dominik Landwehr

Dave Tompkins: How to Wreck a Nice Beach: The Vocoder from World War II to Hip-Hop.The Machine Speaks. New York: Melville House 2011.

19.10.11

Zum Tode von Friedrich Kittler

In Berlin ist am 18.Oktober 2011 der Medientheoretiker Friedrich Kittler gestorben. Kittler gehört zu den Begründern der kulturwissenschaftlich orientierten Medienwissenschaft. Dominik Landwehr zum Tode dieses wichtigen Denkers

Wer wie der Schreibende in den späten 70er Jahre an der Universität Zürich Germanistik studierte, war mindestens mental, weit weg von Technik, weit weg von Computer, Plattenspieler, Telefon und Telex. Die Eidgenössische Technische Hochschule ETH war zwar nur einen Steinwurf von unseren Seminarräumen entfernt. Aber die Menschen – damals vorab junge Männer – dort, lebten für uns auf einem anderen Planet und wer sich in jene heiligen Hallen wagte, besuchte höchstens dann und wann die Vorlesungen von Adolf Muschg, der dort als Professor residierte.

Und dennoch blieb Technik für mich ein obskures Faszinosum, dem ich mich heimlich widmete, wenn auch primär durch die Lektüre einschlägiger (Computer) Zeitschriften und mit zaghaften Experimenten mit dem Commodore Klassiker C64. Dass Computer auch in der Geisteswissenschaft dereinst mehr sein sollte als nur der Rechen- und vielleicht Schreibknecht, der er für Computerlinguisten und Sozialwissenschaftler darstellte, das wussten der damals 20jährige noch nicht.

Just in jener Zeit trat Kittler zum ersten Mal auf den Plan: "Austreibung des Geistes aus dem Geisteswissenschaften" (1980) heisst sein erstes Buch. Weit mehr Aufsehen erregte seine Habilitationsschrift, die 1985 unter dem simplen Namen „Aufschreibesysteme 1800/1900“ erschien. Die Habil soll für mächtige Irritationen gesorgt haben und niemand fühlte sich zuständig oder kompetent, sie zu beurteilen. Der Legende zufolge soll seine Habilitationsschrift von nicht weniger als 13 Experten begutachtet worden sein.

Kittler wollte sich nicht mehr primär mit dem Sinn eines Textes befassen, sondern mit dessen Materialität – sei es als handschriftliches Zeugnis oder als maschinengeschriebenes Typoskript und Nietzsches Wort „Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken“ ist für Kittler gleichsam Leitmotiv geworden.

Es gibt andere solche Leitmotive. Eines ist der Krieg, der im Kosmos des Denkers einen zentralen Platz einnimmt. Ausführlich hat sich Kittler mit der Geschichte der Chiffriermaschine Enigma oder mit der deutschen Raketenwaffe V2 befasst. Geoffrey Wintrop Young schreibt dazu:

„Die Grundvoraussetzung für den Zugang zu Kittlers Texten ist ein Gespür dafür, was hier unter völliger Missachtung herkömmlicher Gattungs- und Disziplingrenzen , zwischen Büchern, Musiken und Technologien, zwischen Drogen, Institutionen und Kriegen, Harmonien und Korrespondenzen ausgemacht werden."(S.166)

Kittler besass ein profundes Verständnis für technische, namentlich elektronische und digitale Prozesse. Davon zeugen auch die Übersetzungen der mathematischen Schriften von Alan Turing und Claude Shannon, die er zusammen mit Bernhard Dotzler vorgelegt hat.

Wer sich mit den Texten von Kittler befassen will, braucht mehr als eine Portion Geduld. Sie erschliessen sich oft nur dann, wenn man die Anspielungen und Referenzen die Kittler macht profund kennt. Und genau das dürfte wohl nur wenigen gegeben sei. „Kittlerdeutsch“ wurde seine Sprache genannt (Young S.68), Kittler wurde der „fortgesetzten Notzucht“ an der deutschen Sprache bezichtigt. (Young S.65)

„Kittler präsentiert komplexe technologische, mathematische oder musikwissenschaftliche Sachverhalte, von denen er weiss, dass sie die grosse Mehrheit seiner geisteswissenschaftlich beheimatete Leserschaft überfordern; Die Leser wiederum wissen, dass Kittler das weiss und dass er zudem darauf besteht, dass sie es eigentlich wissen sollten…“ (S.68).

Das Werk von Friedirch Kittler muss aus heutiger Sicht wohl auch im Kontext der Identitätskrise der Geisteswissenschaften, namentlich der Germanistik gesehen werden, die in den 80er Jahren ihren Anfang nahm und bis auf den heutigen Tag nicht aufgelöst ist: "Kittler steht am Anfang einer Bewegung oder Strömung - einer Massenabwanderung in die Medien eine Flucht in die Relevanz vor den zermürbenden Selbstzweifeln und Selbstzerfleischungen, die vor allem in den 70er Jahren in der Germanistik um sich griffen (S.82).

Friedrich Kittler gehört zu den Gründerväter der Medienwissenschaft, die sich von der sozialwissenschaftlich orientierten Publizistikwissenschaft unterscheiden wollte und kultur- und medienhistorisch respektive –philosophisch argumentierte. Genau die kulturwissenschaftliche Wendung dürfte mitverantwortlich sein für das hohe Interesse, das diese hybride Wissenschaft bei den Studierenden heute geniesst, ungeachtet der diffusen Beraufsaussichten.

Kittler hinterlässt ein umfangreiches Werk; seine Schriften und seine Korrespondenz hat er bereits bereits vor seinem Tod dem Marbacher Literaturarchiv übergeben hat. Und er hat eine ganze Generation von Intellektuellen geprägt, nicht wenige davon waren seine Schülern: Bernhard Dotzler, Peter Berz, Norbert Bolz, Georg Christoph Tholen. Er hinterlässt also ein reiches geistiges Erbe.

Stellvertretend für sein Werk seien hier zwei Schriften genannt, die sich zur Einführung in Kittlers Werk eignen:

Friedrich Kittler: Unsterbliche. Nachrufe, Erinnerungen, Geistergespräche. Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2004.
Geoffrey Winthrop-Young: Friedrich Kittler zur Einführung. Zürich: Junius Verlag 2004.

Youtube hält eine grössere Anzahl von Videos mit Ausschnitten von Kittlers Referaten bereit.

17.10.11

Buch "Kultur digital" an der Frankfurter Buchmesse


Seit einem halben Jahr ist es angekündigt: Das Buch "Kultur digital - Begriffe, Hintergründe, Beispiele" herausgegeben vom Migros-Kulturprozent ist nun erschienen und hatte an der Frankfurter Buchmesse einen schönen Auftritt: Einmal am Messestand des Christoph Merian Verlags und einmal im Rahmen eines Empfangs, den das Schweizer Generalkonsulat ausgerichtet hat.

Es sieht fast so aus, als hätten die beiden toten Altmeister der Schweizer Literatur die neue Publikation freudig aufgenommen. Auch sie waren mit einem grossen Bild am Stand des Christoph Merian Verlags vertreten. Was hätten die beiden digitalen Immigranten wohl zum Thema zu sagen?

Ein zufälliges Zusammentreffen? - Sicher ein schöner Auftritt für das neue Buch, das in diesen Tagen in den Buchhandel kommt.

Ein zweites Mal gabs für die neue Publikation eine grosse Bühne: Am Donnerstagabend in den stilvoll eingerichteten Räumen der Residenz des Schweizer Generalkonsuls Pius Bucher in Frankfurt. Das Haus hatte der Architekt Matin Elsaesser in den Jahren 1925/26 erbaut, es ist seit einigen Jahren im Besitz der Schweizer Eidgenossenschaft.


Im stimmigen Rahmen gabs dort auch gleich eine Kostprobe der aktuellen Produktion von "norient" zu sehen - und passender hätte der Titel kaum sein können: "Sonic Traces: From Switzerland". Extra nach Frankfurt bemüht hatten sich die drei Norient-Frontmenschen Thomas Burkhalter, Michael Spahr und Simon Grab. Die Produktion ist auch Thema einer zweiten Pûblikation, die am gleichen Abend vorgestellt wurde: Digitale Kultur und Medienkunst aus der Schweiz - Werkbeiträge des Migros Kulturprozent. Edition 2011.

Dazu einleitende Worte, zu hören waren neben dem Gastgeber, dem Schweizer Generalkonsul Pius Bucher, Oliver Bolanz, Verlagsleiter Christoph Merian Verlag Basel, Hedy Graber, Leiterin der Direktion Kultur & Soziales des Migros-Genossenschaftsbundes sowie der Historiker und Mitherausgeber Peter Haber.

Im Bild: Herr und Frau Generalkonsul Bucher (links) und Hedy Graber (rechts)

Mehr Informationen zum Buch "Kultur digital - Begriffe, Hintergründe, Beispiele"
Die kompletten Angaben zu Buch und DVD "Digitale Kultur Edition 2011"

Mehr Fotos vom Anlass

Beide Publikationen gibts über den Buchhandel zu kaufen oder direkt beim Verlag
www.merianverlag.ch

10.10.11

Popstar Steve Jobs


Der Apple-Gründer Steve Jobs ist am 5.Oktober 2011 seinem Krebsleiden erlegen. Selten dürfte der Tod eines Firmengründers und –Chef so viel Aufmerksamkeit erhalten haben – tatsächlich hat Steve Jobs den Status eine Pop Stars.

Was sind die Gründe dafür? – Mag sein, dass Apple und sein charismatischer Gründer immer mit der so genannten Gegenkultur identifiziert wurde. Allerdings gehörte zu just dieser Gegenkultur auch Bill Gates, den die Medien gerne als Gegenspieler von Steve Jobs feierten.

Steve Jobs gelang es, die Einzigartikeit seiner Firma glaubwürdig zu verkörpern und zu personalisieren. Apple war Steve Jobs und Steve Jobs war Apple. Und es störte ihn nicht, dass rund um ihn herum ein richtiger Personenkult entstand, der nach den Regeln des Pop-Business funktionierte.

Kult war aber nicht nur die Person, Kult waren und sind auch die Geräte, die konsequent auf die Bedürfnisse der Benutzer ausgerichtet wurden. Dass sich die Apple Computer gerade bei Kreativen höchster Beliebtheit erfreuten, darf von daher nicht erstaunen. Erstaunlich dabei ist aber folgendes: Wie kommt es, dass Leute, die sich selber als kritisch einstuften, nie Hemmungen hatten und im Gegenteil sogar stolz darauf waren, bei ihren Auftritten mit Computer mit dem weiss leuchtenden Apple Logo gleich noch Werbung für den Computerkonzern zu machen?

Das Bild zeigt die Startseite von www.apple.com in den Tagen nach dem Tod von Steve Jobs.

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