05.05.16 09:18

re:publica 10

Über 400 Stunden Programm mit Referaten, Workshops, Demos – das war die diesjährige Internetkonferenz re:publica. Wie überlebt man einen solchen Anlass?

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8000 Gäste aus 60 Ländern, 770 Redner auf 17 Bühnen und total 400 Stunden Programm. Was vor 10 Jahren als kleine Konferenz von Bloggern angefangen hatte, ist heute zu einem dreitätigen Monsterevent geworden, der Massstäbe setzt. Wie überlebt man einen solchen Anlass? – Wer mit drei Leuten spricht, welche die Konferenz besucht haben, dürfte sich wundern: Gut möglich, dass ihm jeder der drei eine andere Geschichte erzählt und es ist ebenso gut möglich, dass sich die drei an der Konferenz gar nie begegnet sind.


Rezept Nummer 1: Man bereitet sich seriös vor, liest alle Ankündigungen und studiert das Programm und stellt sich dann mit Hilfe von zwei (!) Konferenz Apps das geeignete Programm zusammen. Das funktioniert ohne Zweifel und sorgt für ein prall gefülltes Notizbuch.


Rezept Nummer 2. Man lässt sich treiben. Beginnt den Tag mit einem Kaffee in der Halle und tauscht sich mit Bekannten aus: What is hot today? – Und dann besucht jeder einen anderen Anlass. Wenn alles gut geht, trifft man sich nach einer Stunde wieder und tauscht sich aus. Wenn nicht, ist der eine oder andere schon nach 10 Minuten weg und geht in den nächsten Saal. Der richtige Moment zum Abspringen ist nämlich nach 10 Minuten, nach so viel Zeit kann man sich in einen anderen Talk einklinken.


Diese Konferenz ist ein Phänomen, das seinesgleichen sucht: Worum geht es hier eigentlich? – Um das Internet? – Um die Digitalisierung? – Nein, es geht um viel mehr: Es geht um Politik, Gesellschaft, Kultur in Zeiten der Digitalisierung. Und das ist ganz schön viel. Entsprechend bunt war auch dieses Jahr das Programm, das mit einem wohlinszenierten Paukenschlag am Montagmorgen begannt: Greenpeace gab Auskunft über das Datenleck bei den TTIP Verhandlungen.


An einer solchen Konferenz dürfen die grossen Namen nicht fehlen. Die amerikanische Soziologin Saskia Sassen beispielsweise sprach dieses Jahr über Umweltzerstörung und Migration. Der amerikanische Philosoph Richard Sennett über Städte, die immer mehr zu Zonen der Ent-Mischung werden, weil die Gentrifzierung billigen Wohnraum zerstört. Es scheint, als würde die Digitalisierung diesen Prozess fördern. Die deutsche Autorin Caroline Emcke beschäftigte sich mit den Rastern des Hasses, wie er sich immer mehr in den sozialen Medien zeigt. Natürlich ging es auch dieses Jahr um Überwachung, Spionage und Gegenspionage und um die dunkle Welt der Geheimdienste. M.C.McGrath und Naomi Colvin wussten etwa zu berichten, dass es für die US Geheimdienste immer schwieriger wird, Leute zu finden, weil es bald keinen mehr gibt, der ihren strengen Auswahlkriterien genügt.


Die Zukunft der Arbeitswelt war auch dieses Jahr ein Thema, die deutsche Arbeitsministerin Andrea Nahles ein prominenter Gast. Ein kleines persönliches Highlight war für mich ein kurzes Referat zum Thema Landwirtschaft 4.0 des Agrarspezialisten Daniel Werner. Dass moderne Traktoren vom GPS gelenkt geometrisch genaue Spuren abfahren können, war allgemein bekannt. Dass aber sie aber mit Hilfe von Satellitendaten auch zielgerichtet Dünger verteilen können da wo es ihn wirklich braucht, das war mir neu.


Und dann hab ich ein neues Wort gelernt: Was ist ein digital Volunteer? – Ein Freiwilliger, der seine Kenntnisse bei Katastrophen zur Verfügung stellt und beispielsweise aus der Ferne mithilft, Bilder auszuwerten. Eine spannende Perspektive. Soziale Netzwerke erweisen sich immer mehr zum wertvollen Helfer. Facebook betreibt seit kurzem einen so genannten Katastrophenmodus. Er ermöglicht es mitzuteilen, dass man sicher überlebt hat. Und ebenso wichtig: Dank Facebook organisieren sich freiwillige Helfer.


Kurz und gut: Es gab kaum ein wichtiges Thema, das fehlte. Dass sich ob dieser Fülle und der damit verbundenen Oberflächlichkeit manchmal Zweifel einstellen, ist wohl normal. Die re:publica ist auch ein Spiegel unserer heutigen Zeit, die glaubt, alles in kurzer Zeit ansprechen, verstehen und vertiefen zu können. Aber das tut ihrem Erfolg keinen Abbruch, denn um es vertiefen zu können, braucht man erst eine Anregung und an solchen Anregungen hat es auch dieses Jahr nicht gefehlt.


Die re:publica ist eine Medienkonferenz und entsprechend finden sich viele Referate auch im Netz. Man findet sie über die Website der re:publica oder über den Youtube Kanal der Konferenz.






Publiziert von Sternenjaeger am 05.05.16 09:18 in der Kategorie lesen

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