31.07.16 13:57

Felix Stalder: Kultur der Digitalität

Internet und Digitalisierung sind technologische Entwicklungen mit weit reichenden gesellschaftlichen Auswirkungen. Gerade deshalb beschäftigt sich auch die Soziologie mit der digitalen Transformation. Das Buch ‹Kultur der Digitalität› von Felix Stalder ist nun ein weiterer Versuch, die umfassenden gesellschaftlichen Veränderungen der letzten zwanzig Jahre zu beschreiben.

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Der Versuch ist nicht Selbstzweck denn letztlich geht es dem Autor darum Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen: Wir sind diesen Entwicklungen nicht einfach ausgeliefert sondern haben die Möglichkeiten, sie zu beeinflussen. Das ist eine der grundlegenden Thesen, die zum Verständnis des Buches notwendig sind.
Stalder ist ein Schüler des kanadischen Soziologen Manuel Castells,dessen umfangreiche Beschreibung der Informationsgesellschaft aus den Jahren 1996 - 98 zu den einflussreichsten Publikationen in diesem Bereich gehört. Im Buch ‹Kultur der Digitalität› greift Stalder auf diese Gedanken zurück. Das Netzwerk als gesellschaftliches Modell hat laut Castells in den 80er Jahren begonnen traditionelle hierarchische Organisationsmodelle abzulösen oder zu ergänzen. Netzwerkgesellschaft und Internet bedingen und befördern sich gegenseitig.


Worin besteht nun die eigentliche Kultur der Digitalität? - Stalder macht drei Momente aus: Referentialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität. Im digitalten Zeitalter steht prinzipiell eine unendlich scheinende Menge an Werken zur Verfügung. Sie werden im Alltag auf die unterschiedlichsten Weisen rezipiert, verarbeitet, gemixt. Das zeigt auch die Begrifflichkeit: Neben Remix ist Appropriation, Sampling, Remake etc. die Rede. Der Begriff der Gemeinschaftlichkeit - das ist der zweite von ihm beschriebene Begriff - verweist auf die oft zitierte Bedeutung der Community oder der Sozialen Medien und ist untrennbar mit der zentralen Bedeutung der digitalen Welten verbunden. Das hat weit reichende Konsequenzen: «Der Einzelne muss viel und kontinuierlich kommunizieren, um sich innerhalb der Felder und Praktiken zu konstituieren, sonst bleibt er unsichtbar». Dabei offenbar sich auch ein charakteristisches Paradoxon: Währendem die Gestaltungsmöglichkeiten des Einzelnen im Bereich der Sozialen Medien wachsen, schrumpfen sie auf politischer Ebene. In einer immer komplexer werdenden Welt verliert das Individuum an Spielraum und Einflussmöglichkeiten.


Der dritte Begriff, jener der Algorithmizität, verweist auf die Bedeutung von computergestützten Automatismen. Die Suchmaschine Google bedient sich etwa solcher Algorithmen um im Meer der Informationen sinnvolle Angebote zu machen. Kleinere oder grössere Softwarepakete namens Bots übernehmen immer mehr Aufgaben, die bis vor wenigen Jahren den Menschen vorbehalten blieben. Sportberichte können bereits heute von solchen Bots geschrieben werden; in der schwedischen Ausgabe der Wikipedia sind Artikel, die von solchen Bots geschrieben werden, zugelassen. In anderen Ausgaben ist dies noch nicht der Fall. Was gemeinhin als Big Data beschrieben wird, ist der Anfang einer Entwicklung, deren Konturen erst sehr unklar wahrzunehmen sind.


Die Kultur der Digitalität formatiert unsere Kommunikation und damit auch den den politischen Diskurs. Und hier ist es nicht gleichgültig, welche technischen Systeme dabei angewendet werden: Dabei lässt sich eine Entwicklung von offenen zu geschlossenen Kommunikationssystemen wie Facebook, Twitter, Instagram etc ausmachen. «Fast alle von ihnen beruhen auf geschlossenen und von den Netzwerkbetreibern kontrollierten Standards, die verhindern, dass Nutzer über die von den Anbietern definierten Grenzen hinweg kommunizieren.» Die exponentiell wachsenden Datenmengen bergen Risiken, die sich kaum mehr überblicken lassen. Sie blitzen dann und wann auf, wenn wieder ein Wikileaks Datenpaket an die Öffentlichkeit kommt und ausgewertet werden kann.


Die Entwicklung der Digitalisierung ist mehrdimensional und deshalb ist sie auch so schwierig zu beschrieben: Sie fördert die Entstehung von sehr mächtigen Konglomeraten wie etwa Google, Facebook, Apple und Amazon. Gleichzeitig haben aber auch kleine, selbstorganisierte Netzwerke Chancen in der neuen Netzwerkwelt. Stalder benutzt dabei den Begriff der Commons, wie er etwa im alternativen Copyright Modell der Digital Commons benutzt wird. Zur Welt der Commons zählt weiter das Wikipedia Modell aber auch die Open Data Bewegung, die gerade in Europa eine wachsende Zahl von Anhängern gewinnt. Allerdings lässt sich auch die Commons Idee kapitalistisch umbiegen, wie etwa die Erfahrungen mit Uber und Airbnb zeigen: «Hier dienen Begriffe wie ‹offen› oder ‹Teilen› nur noch dazu, den hyperkapitalistischen Strukturen einen zeitgeistigen, positiven Anstrich zu verpassen.»


Es gibt heute - und das ist die zentrale These des Buches - zwei grosse Kräfte: Die Macht von supranationalen internationalen Konzernen und Konglomeraten und die Potentiale der Commons. Das tönt plausibel. Angesichts der gegenwärtigen geopolitischen Entwicklungen ist aber zu fragen, ob die These nicht zu kurz greift: Autoritäre Strukturen wie wir sie in Russland, China oder möglicherweise bald in der Türkei beobachten kontrollieren die digitalen Medien genauso wie die traditionellen Massenmedien.


Die gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte sind eng verwoben mit dem Siegeszug des Internet und der Digitalisierung, wie etwa ein Blick auf die Sozialen Medien zeigt. Sie sind in der Gegenwart so etwas wie eine Beschleunigungsmaschine - im Guten und im Schlechten. Unsere Gesellschaft wird einen Weg finden müssen, mit diesen Beschleunigungs- und Verstärkermechanismen umzugehen; zu oft verhindert gerade die Geschwindigkeit und der Zwang zur Reaktion auch nachhaltige Reflexion. Stalders Buch versucht etwas Licht in das komplexe Wechselspiel von technologischen, sozialen und gesellschaftlichen Entwicklungen zu bringen. Viele seiner Ideen sind plausibel, ob es gelingt die Option der Freiheit zu wählen ist heute mehr als offen.



Felix Stalder: Kultur der Digitalität. Berlin. Suhrkamp Verlag 2016.


Zur Website von Felix Stalder






Publiziert von Sternenjaeger am 31.07.16 13:57 in der Kategorie

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