23.12.16 16:23

2017: Von der digitalen Gier zum digitalen GAU

Was bringt das neue Jahr in Sachen Digitalisierung? Notizen eines Skeptikers

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Was bringt das neue Jahr in Sachen Digitalisierung? – Ich bin weder Kaffeesatzleser noch Trendanalytiker aber ich versuche die Zeichen an der Wand zu lesen und zu deuten. Und da sehe ich viel Widersprüchliches:


Da gibt’s so etwas wie die digitale Gier: Die Wirtschaft deckt uns ein mit immer neuen Smartphones, noch grösseren Flachbildschirmen, Cloud-Services, Miniatur-Drohnen, 3D-Druckern und VR-Displays. Mir scheint, dass die Konsumenten ganz glücklich sind über diese Entwicklung: Smartphones können nur so viele produziert werden, weil der Markt danach fragt und jeder will immer das neuste haben. Wir wollen alles und wir wollen es sofort. Lange Lieferfristen sind Gift, denn wir könnten es uns ja noch anders überlegen.


Und dann gibt es doch so etwas wie ein digitales Unbehagen: Die digitale Entwicklung hat auch für viele negative Schlagzeilen im vergangenen Jahr gesorgt: Am frischesten sind wohl die Erinnerungen an die gehackten Mails im amerikanischen Wahlkampf. Die Anzeichen, dass dabei der russische Geheimdienst KGB seine Hände im Spiel hatte, häufen sich. Umgekehrt scheint es auch für US Geheimdienste keine Problem zu sein, an russische Daten heranzukommen. Hacker sind längst keine Amateure mehr sondern Profis. Und die besten Hacker finden sich in den Geheimdiensten. Die Vorstellung, dass der Nachbar mit seiner Drohne in unser Schlafzimmer guckt ist unangenehm – aber Drohnen sind ein Verkaufsschlager im Online-Warenhaus können wir zwischen Dutzenden Modellen zwischen 50 und 10 000 Franken wählen. Für jeden etwas!


Es kommt noch dicker: Damit nicht genug: Mit einem Schaudern hat eine breitere Öffentlichkeit 2016 zum ersten Mal von jenem ominösen dunklen Netz gehört, das nach ganz anderen Gesetzen funktioniert als jenes Internet, das wir kennen: Der Attentäter von München, der am 22.Juli 2016 im Olympia-Einkaufszentrum zwölf Menschen erschoss, hatte seine Waffe im Darknet gekauft. Dort wird mit allem gehandelt, was verboten ist: Kinderpornographie, Drogen, illegalen Substanzen….


Trump hat den Wahlkampf wohl kaum wegen seiner Facebook Kampagne gewonnen, auch wenn es Unternehmen gibt, die uns das weismachen wollen. Aber Facebook hat in der Tat eine erschreckende Fülle von Daten und unsere Profile werden mit jedem Tag, an dem wir soziale Medien benutzen, dichter. Beteiligt daran sind Algorithmen, eigentlich nichts Anderes als eine intelligente Verknüpfung von Daten. Auch das hat zum digitalen Unbehagen beigetragen. Und Facebook ist bei weitem nicht das einzige Unternehmen, das unsere Daten sammelt. Jedes Online-Medium analysiert Daten und verfolgt die Aktivitäten seiner Nutzer minutiös.


Wer neben den Algorithmen und dem Darknet noch nach einem Wort des Jahres sucht, hier ist es: Fake-News. Tausende von Websites, die im Brustton der Überzeugung und in professionellster Aufmachung kompletten Unsinn erzählen. Und sie werden millionenfach geteilt, diese giftigen Non-News.


Was resultiert aus der Gleichung „Digitale Gier + Digitales Unbehagen“? – Das ist die grosse Frage und die Antwort ist ernüchtern oder je nach Auslegung auch erschreckend: Gar nichts. Wir tun nichts und überlassen solche Gedanken der Industrie, dem Staat, unserem Arbeitgeber. Sollen sie sich um Sicherheit kümmern.


Es gäbe durchaus Mittel und Wege mit den neuen Gefahren umzugehen und die Strategien sind längst bekannt. Sie reichen von einer seriösen Beurteilung der Nachrichtenquelle über einen bewussten und zurückhaltenden Umgang mit Social Media bis hin zu Diensten, die unsere Nachrichten verschlüsseln, Tracking verhindern und erschweren und unsere Identität im Netz verschleiern. Nur kenne ich keinen, der diese Dienste nutzt, mit Ausnahme von ein paar hartgesottenen IT-Spezialisten, die immer schon sehr misstrauisch waren.


Kein Zweifel: Wir brauchen Computer, Internet und Digitalisierung für unser Glück, für unser Wohlergehen, unsere Wirtschaft….. Egal ob E-Commerce oder E-Dating. Seit Jahren hören wir Stimmen, die uns davor warnen, im digitalen Konkurrenzkampf „abgehängt„ zu werden. Die Stimmungsmache ist mittlerweile zu einer eigenen Art Wirtschaftsförderung geworden und die Geldquellen sprudeln reichlich. Wer will denn schon abgehängt werden?


Ist die Angst vor dem Abgehängtwerden begründet? – Ein Blick auf unsere Hochschulen belehrt uns eines Besseren: Die Schweiz ist gut aufgestellt und nicht nur deshalb, weil die ETH in Zürich und Lausanne einen ausgezeichneten Ruf geniesst, sondern auch wegen unseres dualen Bildungssystems. Denn es braucht nicht nur IT-Strategen, sondern auch Menschen an der Basis, die programmieren, Webseiten entwickeln und Server warten können. Nicht ohne Grund betreibt Google das grösste Entwicklungszentrum ausserhalb der USA in Zürich. Und nicht in London, Paris, Frankfurt oder München.


Was wir brauchen ist mehr kritisches Denken – es scheint im digitalen Wahnsinn irgendwie abhandengekommen zu sein. Und vielleicht braucht es einen Weckruf, bevor der digitale GAU über uns hereinbricht. Worin könnte er bestehen? – Nun, keine Vision eines Thriller-Autors ist zu gruselig. Mir scheint, fast alles ist möglich. Noch haben wir die Wahl – aber wir müssen sie wahrnehmen!


Oder etwas konkreter: Wir brauchen eine neue digitale Achtsamkeit. Nicht alles was machbar ist, ist auch wünschbar. Und vor allem: Es gibt auch ein Leben offline. Wir brauchen eine digitale Kritik: Nicht jede Geschichte, die plausibel klingt und vielleicht unsere Ängste bedient, ist auch wahr. Nicht jede Dienstleistung, nicht jedes Gadget ist nötig. Und wir solle nicht jeder Beschwörung auf den Leim gehen, auch wenn sie von scheinbar berufener Seite kommt. Selber denken ist nicht nur erwünscht, es ist sogar eine überlebensnotwendige Eigenschaft.






Publiziert von Sternenjaeger am 23.12.16 16:23 in der Kategorie lesen

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